Auf die vielen Fragen von Eltern und anderen Erziehern, wie sie mit Wut, Zorn und anderen aggressiven Handlungen von Kindern und Jugendlichen umgehen sollen, gibt es keine eindeutigen Antworten. Zunächst ist wichtig, den Hintergrund des aggressiven Verhaltens zu suchen und zu erkennen. Darauf werde ich in mehreren Beiträgen eingehe.
Eine traumatische Erfahrung wird von Kindern und Jugendlichen als existenzielle Bedrohung erlebt. Ob es sich um sexuelle bzw. sexualisierte Gewalt handelt oder um andere traumatisierende Ereignisse, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass die Kinder sich bedroht fühlen, dass ihre Grenzen nicht geachtet werden, dass sie hilflos und wehrlos sind. Die Täter oder Täterinnen üben Gewalt aus, ganz gleich in welcher Form. Ein Impuls der Opfer traumatisierender Gewalt, ganz gleich welchen Alters, besteht darin, zu fliehen oder zu kämpfen. Dieser Mechanismus ist im Gehirn in der Amygdala angelegt. Er wurde in den Vorzeiten der Menschheit aus der Notwendigkeit entwickelt, sich gegen lebensbedrohliche Tiere zur Wehr zu setzen, zu fliehen oder zu kämpfen.
Die Kinder, denen traumatisierende Gewalt zugefügt wird, können nicht fliehen. Dazu sind sie zu schwach. Sie versuchen zu kämpfen, aber auch das gelingt ihnen nicht, weil sie klein sind und Opfer. Doch der Impuls zu fliehen oder zu kämpfen, bleibt bestehen, auch nach der traumatischen Erfahrung, insbesondere dann, wenn die Kinder mit dieser Erfahrung allein bleiben oder nicht genug getröstet und gestützt werden.
Dann kann der Impuls zu fliehen auch später wieder ausbrechen, indem sich Kinder zurückziehen, erstarren, sich verstecken. Der Impuls zu kämpfen, kann sich dann in aggressivem Verhalten äußern. Dann kann ein Kind um sich schlagen, wenn es von jemandem angeschaut wird oder wenn sich eine andere Person ihm nähert. Manche Gerüche, Klänge, Farben oder Verhaltensweisen können „triggern“, also Auslöser dafür werden, dass die traumatische Gewalt wieder in dem Kind lebendig wird und es nun versucht, sich aggressiv zur Wehr zu setzen.
Aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen kann also auch in traumatischen Erfahrungen wurzeln. Um diese Quelle zu identifizieren, ist es notwendig, verschiedene Faktoren, die im Gefolge traumatischer Erfahrungen auftreten, zu beobachten. Mehr dazu finden Sie bei den Fragen und Antworten in dem Bereich „Trauma“.